Eine interessante Ahnung bezüglich Sprache im Denken. Benni meinte zu mir, als ich mich mal wieder über den Aufwand beklagte, den das Schreiben auf Englisch bereitet, dass ich oft meine Notizen und Gedanken auf Deutsch verfasse. Es könnte mich weiterbringen, mehr auf Englisch “zu denken”. Ich hab das zunächst abgelehnt, da ich mir auch noch beim normalen Niederschreiben irgendwelcher Zusammenhänge eine Behinderung vorschnallen würde – es ist mir ja selbst im Deutschen nicht selbstverständlich, mich zu artikulieren.
Ich glaube ja nicht, dass Denken ein inneres Sprechen ist. Ich habe dann aber tatsächlich mal versucht, als ich wieder über irgendwas nachgedacht habe, dies “auf Englisch” zu tun. Und fühlte mich sofort behindert. Ich versuchte natürlich nicht wirklichen Formulierungen, aber das ist sonst (im “Deutschen”?) auch nicht der Fall. Es stellte sich ein Gefühl ein das ich auch habe, wenn ich auf Englisch schreibe; mein Vorstellen fühlte sich plötzlich “englisch” an. Am auffälligsten vielleicht die wirklich sprachlichen Sachen. Beim Vorstellen des Würfels sind das eher Merk- und Steuersignale “here”, “there”, “this”, statt “hier”, “da”, “das”.
Nun, das war nicht viel beobachtet. Aber wie geht’s Euch?
November 28, 2010 at 2:21 pm |
Für mich kann “Denken” mit Hilfe von englischen Begriffen sowohl barrierefreier, als auch hinderlicher sein.
Vielleicht zuerst zu der Relation zwischen “Denken” und “Sprache”: Ich gehe soweit mit, dass an einem Gedankenprozess nicht Sprache allein beteiligt ist, aber dieser durch sie effektiv unterstützt wird.
Ich habe z.B. festgestellt, dass ich manchmal nur ein Wort denke und dann meinen Gedanken die Zeit gebe, darauf zu reagieren und Verknüpfungen zu anderen Konzepten/Vorstellungsbildern/Schemata/Repräsentationen zu finden. Ich habe hier das Gefühl, dass ich diesen Teil der Gedankenaktivität sich selbst überlassen (wohl etwas ähnliches, wie das “Aufklappen” eines Gestrüpps?) und währenddessen ein weiteres Konzept fokusieren kann, um deren Zusammenhänge zu erfassen, dem Denken eine Richtung zu geben. Manchmal spreche ich auch nur die erste Silbe innerlich, die restlichen empfinde ich nurnoch als gedehnte Zeit (länger, als es normal brauchen würde) und die Trennung der Silben wahrscheinlich über etwas wie koordinierte Muskelanspannung / Atmung, wobei ich das Gefühl haben kann, dass die “Ausbreitung” des ersten Gedankenprozesses (das “Aufklappen”) mit dem gefühlten Ende der gedehnten Zeit aufhört.
Ein Effekt von gesprochenen Worten / Phrasen auf meinen Gedankenprozess ist generell die Aktivierung von Konzepten. Damit kann meiner Ansicht nach ein Wort / Phrase als “effektiver” Weiser dienen.
Ein anderer Effekt scheint mir z.B. ein verbessertes “im Kopf halten können” eines Konzepts zu sein. Ich meine, im späteren Gedankenverlauf einfacher wieder darauf zurückgreifen, das Konzept wieder durch das innerliche Sprechen erneut triggern zu können.
Nun zurück zu dem Thema Englisch/Deutsch: Wenn ein Wort / Phrase als Weiser dienen (“konditional dieselben Konzepte triggern”) kann, erscheint Dir das Denken auf Englisch womöglich deswegen als hinderlich, da es zwei verschiedene Weiser sind, die nicht dieselben Konzepte triggern, oder der Englische zumindest noch nicht so stabil zu den zugehörigen Konzepten verknüpft ist.
Hier sehe ich eine Analogie zu den Experimenten: Bei der Übertragung in das Buchstabensystem will man, obwohl man eigentlich gewisse Operationen schon innerhalb des Systems ausgeführt hat, wieder zurück in das gewohnte System springen und dort die Operationen ausführen, da diese Schritte dort stabiler laufen, bzw. schneller bzgl. der erwarteten Dauer in dem gewohnten System.
Auf der anderen Seite kenne ich natürlich auch die andere Richtung: Gewisse Konzepte sind aktiv, man weiß, was man eigentlich ausdrücken will, kommt aber nicht auf das englische Wort dafür. Auch hier sehe ich fehlende “Konditionierung” als Grund.
Ich selbst denke oft wild durchgemischt, besonders wenn es um CogSci Bereiche geht, in denen man eben englisch “konditioniert” wird. Allerdings habe ich natürlich auch auf Deutsch ein viel feineres Sprachgefühl, weswegen ich auch bevorzugt Deutsch denke.
September 22, 2011 at 3:47 pm |
Es scheint mir ganz richtig, ueber dieses Thema mit einer Ernsthaftigkeit nachzudenken, als wuerde man den zukuenftigen Studienort wählen. In meiner e/dt Zweisprachigkeit wuerde man denken, ich könnte leicht switchen. Im Gegenteil! Beide Sprachen sind, wenn ich mich ihnen nicht richtig hingebe, beschädigt, stockend, dysfunktional. Ein halbes Jahr formulierte ich alles auf Englisch, gegen Ende ging es viel besser. Englisch – schönes Englisch, wohlgemerkt; was Joseph Conrad schreibt, nicht was Amerikaner sprechen – ist auf jeden Fall biegsamer, knapper, kräftiger und leuchtender – schlicht aufregender als Deutsch. Auch Nabokov hat wohl irgendwas in der Art entdeckt. Obwohl das Russische ja nicht gerade arm ist, ähnelt es in der Lokalisation der Ironie, zum Beispiel, wohl eher dem Deutschen. Wie soll ich beschreiben, was ich meine? Es ist wie verschiedene Boostypen, Kayak vs. Kanu vs. Ruderboot, man muss ausprobieren, wie man mit dem Körpergewicht, der Krafteinwirkung, der Stabilisation, dem Schwung tun muss, damit der Kahn elegant fährt und auch in gewagteren Kurven einen nicht ins Schwimmen geraten lässt.
September 22, 2011 at 3:49 pm |
Ach so, und vermutlich denke ich ungepflegt, also in vielen Fällen, ohne auszuformulieren, sodass der unentwirrte Zustand der Gedanken mir nicht bewusst wird – bis ich sie eben wirklich versuche, aufzuschreiben.